Kategorie: Interview

Interviews mit Künstler*innen – Erste Schritte und Who is Who

  • Interview mit Elke Erben – 03.03.2026

    Elke und ich treffen uns in Overath in dem Café „Kaffeepause“.
    Nachdem sie mich interviewt hat, tauschen wir die Rollen.

    Elke erzählt begeistert von Ihrem Projekt „Hommage an …“ – Fotograf*innen, Künstler*innen oder eine Kunstrichtung, die sie besonders begeistert.

    Seit 2020 gestaltet sie jedes Jahr ein Fotobuch – immer im gleichen Stil: Sie stellt am Anfang des Buches den Künstler oder die Künstlerin vor, dann zeigt sie deren Werke auf der linken und ihre fotografischen Interpretationen auf der rechten Seite. Sehr interessant und spannend.


    Die Idee dahinter war herauszufinden, ob Elke auch Fotos dieser Art gestalten kann. Denn oftmals schaut sie sich Fotos in Ausstellungen oder Büchern an und fragt sich insgeheim: Warum wird hier nicht meins präsentiert? Was ist das Besondere an den Fotos, die im Museum, in Galerien hängen oder in einem Bildband gezeigt werden? Und wo ist der Unterschied zu meinen?


    Insgesamt hat sie bisher sechs Fotobücher dieser Art erstellt: Über Man Ray, Lee Miller, die Neue Sachlichkeit, Lazlo und Lucia Moholy, den Surrealismus und André Kertész. Sie zeigte mir zwei der Fotobücher, die mich sehr begeistern.

    Es macht ihr überhaupt sehr viel Spaß Fotobücher zu erstellen. Auch ihre Urlaube hält sie in Fotobüchern fest, aber auch andere Fotos wurden z. B. unter dem Titel „Momente“ oder als Buchserie „Spuren der Vergangenheit“ (Lost Places) in verschiedenen Büchern verewigt.

    Ihr Anliegen ist es, durch das Erstellen der Fotobücher und die Beschäftigung mit den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen zu wachsen und vielleicht Neues zu entdecken. Denn oft kommt es zu überraschenden Ergebnissen und sie stellt fest, dass frau mehr kann als sie denkt. Sie möchte auch weiterhin jedes Jahr ein Buch über eine/n Künstler/in erstellen oder andere projektbezogenen Werke schaffen.

    Die Foto-Arbeiten, die sie erstellt, macht sie hauptsächlich für sich. Ein Verkauf der Werke wäre schön, aber nicht zwingend. Bei Fotos sei es auch
    oft so, dass die Menschen denken, dass sie das selber können (aber meistens nicht machen), und deshalb von dem Kauf eines Fotos absehen.

    Sehr gerne präsentiert Elke ihre Werke in Ausstellungen, freut sich über Diskussionen oder interessierte Fragen zu ihren Arbeiten und den Austausch über Fotografie im Speziellen und Kunst im Allgemeinen. Elke möchte mit Ihren Arbeiten die Menschen zum Nachdenken anregen, Dinge hinterfragen und auf das Schöne im Alltäglichen hinweisen. Sie macht auch Motive sichtbar, die von anderen gar nicht gesehen werden. Meistens nach dem Motto: Weniger ist mehr.

    Das gilt sowohl für das Motiv als auch für das Mitschleppen von Technik. Mittlerweile reicht bei einer Foto-Exkursion die Kamera mit einem Objektiv.
    Kann nur sein, dass sie die gleiche Runde dann nochmals mit einem anderen Objektiv geht.

    Das war nicht immer so, denn ihre Begeisterung für die Fotografie begann mit ihrer ersten Spiegel-reflexkamera, die sie sich bereits vor ihrem Abitur zulegte. Alle verfügbaren Brennweiten wurden ausprobiert, SW-Fotos in der eigenen Dunkelkammer entwickelt und alle möglichen Themen als Workshops bei verschiedenen Bildungsträgern präsentiert und
    im Fotoclub – damals der erste Fotoclub nur für Frauen – diskutiert.


    Auf die Frage nach ihrem ersten Werk, was sie selbst als Kunst bezeichnen würde, berichtet sie von einem Foto, das sie während Ihrer Studienzeit gemacht hat. Es zeigte Äste im Gegenlicht nach einem Eisregen. Das war auch ihr erstes Foto, das bei einem Wettbewerb prämiert und ausgestellt wurde.

    Hin und wieder macht sie auch „analoge Kunst“: Papier-Collagen auf gedruckten Fotos oder Malen mit Acryl und Tusche. Aber sie nutzt auch die Möglichkeiten der Bildbearbeitung am PC: Montagen, Doppelbelichtungen, mit NIK- oder Francis-Filtern.


    Vielen Dank an Elke für das sehr spannende und interessante Gespräch. Ich wünsche ihr weiterhin viele gute kreative Ideen und die Auseinandersetzung mit interessanten Künstler*innen.

    Elisabeth Bruns







  • Interview mit Elisabeth Bruns – 03.03.2026

    Ich treffe Elisabeth in der „Kaffee-pause“ in Overath. Nach einer gesundheitlich angeschlagenen Zeit freut sie sich auf einen schönen Cappuccino und ein Stück Tiramisu-Torte – statt des Mittagessens. Ich bestelle mir einen Café Crema und dann geht
    es los. Einleitend erzählt mir Elisabeth, dass sie im Moment etwas „Mal-faul“ ist. Und sie derzeit nicht weiß, wohin ihre künstlerische Reise gehen soll.

    Daher die Frage, was sie aktuell beschäftigt.
    Mitte März findet die Kunstmesse in Mondorf statt, an der ich wieder teil-nehmen werde. Dort war ich vor Corona schon mal, und rechne mit ca. 40 Teilnehmenden aus Handwerk und Kunst. Ich bereite daher einige kleine quadratische und runde Exponate in Acryl vor. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass sich diese besser verkaufen lassen. Natürlich werde ich auch größere Werke von mir ausstellen. Ein Thema habe ich dafür nicht, ich werde die Vielseitigkeit meiner Werke präsentieren. Es sind Arbeiten in Acryl gegenständlich und abstrakt, Collagen, Mischtechniken, aber auch einige Arbeiten in Pastell.


    Wie definierst Du Kreativität/Kunst für Dich?
    Für mich ist Freiheit eine große Voraussetzung für meine künstlerische Tätigkeit. Ich habe viele Dinge im Kopf, die ich noch umsetzen möchte und es kommen immer neue Ideen dazu. Manche verblassen für eine gewisse Zeit wieder, da sie von anderen Ideen überlagert werden, aber irgendwann tauchen sie wieder auf. Und dann diese unendliche Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten. Ich probiere darum auch immer wieder gerne Neues aus.

    Wie bist Du zur Kunst gekommen?
    Im Grunde durch einen Umzug ins neue Haus 2008. Einige Wände waren noch so leer, da sollten Bilder hängen. Aber was mir (und meinem Mann) gefiel, war uns etwas zu teuer. Und habe dann 2010 angefangen zu malen. Da ich auch gerade den Job gewechselt habe, hatte ich etwas mehr Zeit und habe in einem regelmäßigen Kurs bei Sonja Siems in Overath drei Jahre die Grundlagen der Acrylmalerei erlernt.

    Danach habe ich immer mal wieder Kurse anderer Malerinnen und Maler besucht, um weitere Techniken zu erlernen und Feedback zu meinen Bildern zu bekommen. Ich bin immer bei Acryl geblieben, habe erst in den letzten Jahren angefangen auch mit Pastellen zu malen.

    Was ist Dein größtes persön-liches Vergnügen beim Malen?
    Das größte Vergnügen ist der Prozess, wenn ein Bild entsteht. Und die Zufriedenheit, wenn es fertig ist und möglicherweise verkauft wird.

    Brauchst Du Publikum für
    Deine Kunst?
    Auf jeden Fall. Mir ist es wichtig meine Bilder auszustellen und von den Betrachtern ein Feedback zu bekommen. Das kann Anerkennung sein oder auch konstruktive Kritik. Ich möchte mich weiterentwickeln, daher ist der Austausch für mich sehr wichtig.

    Denn ich möchte mit meiner Kunst Schönheit zeigen und anderen eine Freude bereiten. Daher war die Coronazeit auch wirklich frustrierend, denn es gab keine Resonanzmöglichkeiten. Und somit blieb die Frage nach der Sinnhaftigkeit meiner Malerei offen.

    Wie hast Du Deine Kunst entwickelt?
    Meine Bilder sind alle unterschiedlich, ich habe viel ausprobiert. Bei verschiedenen Künstler*innen (z. B. Karin Kuthe in Bergisch Gladbach oder Angelika Biber in Köln, von 2021 bis 2025 Studium in der Malakademie bei Per von Spee mit Abschlussdiplom), in Workshops und auf Malreisen. Viele Stile kennen gelernt, aber immer nur das rausgesucht, was mir gefällt und zu mir passt.

    Arbeitest Du lieber allein oder mit anderen?
    Ich arbeite gerne allein bei mir zuhause. Aber ich mag es auch sehr in der Gruppe zu malen, sich mit den anderen Teilnehmerinnen auszutauschen. Außerdem habe ich hier die Möglichkeit, mich ungestört für mehrere Stunden mit meiner Kunst zu beschäftigen.

    Von wem oder was lässt Du
    Dich bei Deinem Schaffen inspirieren?
    Von den Dingen, die ich im Alltag sehe – egal ob Muster in Textilien, Landschaften, die Natur an sich, Fotos in Zeitschriften und Zeitungen. Interessante Motive oder Inspirationen nehme ich mit dem Handy auf, und verarbeite es später malerisch.

    Gibt es etwas, was Dich bei Deinem Schaffen behindert?
    Meistens nur ich selber, durch zu wenig Zeit, andere Verpflichtungen oder fehlende kreative Stimmung.

    Bist Du außer bei ENGELsART noch woanders Mitglied?
    Ja, ich engagiere mich noch beim Kölner Malerkreis. Dort gibt es einen regelmäßigen Stammtisch für Gespräche und Ausstellungen in der Galerie „Im Malerwinkel“ im Rheinpark. Manchmal gehen wir auch „on tour“ und präsentieren unsere Werke in Hotels, in Rathäusern von Köln oder wie zuletzt im Nierenzentrum Köln.

    Welchen Stellenwert nimmt Kunst von anderen in Deinem Leben ein?
    Eher einen kleinen, ich möchte lieber eigene Kunst bei mir zuhause aufhängen. Aber zwei oder drei Werke von anderen haben wir schon. Mein Mann hat einige Drucke von großen Bildern des Overather Malers Dieter Framke erworben.

    An wie vielen Ausstellungen hast Du schon teilgenommen?
    Ich habe 2014 an der ersten Gemeinschaftsausstellung teilgenommen. Es war meine Idee mit den bisher in den Kursen bei Sonja Siems entstandenen Werken eine Ausstellung zu organisieren. Seitdem präsentiere ich regelmäßig meine Kunst auf Kunst- und Handwerkermärkten, stelle bei Kunstvereinen oder auf Anfrage auch in anderen Institutionen aus. Zurzeit stelle ich einige Werke im Altenheim Wahlscheid aus.

    Hast Du einen künstlerischen Traum?
    Als Traum würde ich es nicht bezeichnen, aber mein Ziel ist es schon, meine Werke zu verkaufen, da das für mich die größte Anerkennung ist.  


    Hast Du ein Lebensmotto?
    Am Ende meines Lebens möchte ich sagen können: Ich habe ein gutes und zufriedenes Leben gehabt. Natürlich habe ich bisher auch Negatives erfahren, aber das hat mich reifen lassen und in der Rückschau auch weitergebracht.

    Möchtest Du noch etwas Persönliches/Biografisches ergänzen?
    Ich erstelle sehr gerne Fotobücher, nicht nur von meinen Urlauben, sondern auch von meinen Werken.Denn es ist ein völlig anderes Gefühl ist, die Fotos in einem Buch zu sehen, als sich diese auf dem Computer anzuschauen.

    Darum habe ich meine künstlerische Laufbahn bisher in zwei Fotobüchern festgehalten. Einmal „Die Anfänge“ von 2010 bis 2015 sowie „Die Fortschritte“ von 2016 bis 2020. In diesem Jahr werde ich das dritte Buch erstellen über „Die weiteren Fortschritte“ von 2021 bis 2025. Wie es dann weitergeht, ist noch offen.

    Ich danke Elisabeth sehr herzlich für den unterhaltsamen Nachmittag und wünsche ihr eine gute Orientierung, wie es künstlerisch kreativ weitergehen kann.

    Elke Erben

  • Interview mit Evelyn Knapp – 16.01.2026

    Ich treffe Evelyn in ihrem Zuhause in Engelskirchen – wie immer begegne ich einem freundlich lächelnden Menschen. Nach der Begrüßung ihres Mannes, den ich bisher nur dem Namen nach kannte, gehen wir hoch ins Atelier. In lockerer Atmosphäre beant-wortet Evelyn mir einige Fragen zu ihrer künstlerischen Seite.

    Was gibt es privat über Dich zu berichten?

    Ich bin 1940 in Masuren geboren und bin u.a. über Dortmund – wo ich meinen Mann kennengelernt habe – 1982 nach Engelskirchen gekommen. Schon 1964 haben wir geheiratet, bis 1969 als Postobersekretärin gearbeitet. Dann kam die Elternzeit, in der ich meine zwei Kinder großgezogen habe. Mittlerweile habe ich auch schon vier Enkelkinder.

    Wie bist Du zur Kunst gekommen?

    Im Grunde schon über die Schule – ich hatte immer gute Kunstlehrer.
    Und die haben mich bestärkt, daran zu arbeiten – zumindest privat.
    Ich hatte immer schon ein gutes Auge für Komposition und Farbgestaltung.

    Die Ergebnisse findest Du in meinen Skizzenbüchern, die ich alle aufbewahrt habe. Oder in dem Stapel Aquarell – das Einrahmen wäre zu teuer geworden.


    Außerdem habe ich (außer in der Elternzeit) Kunstkurse besucht – u.a. rund
    20 Jahre bei Margret Riese. Dazu Ausstellungen in Museen und Galerien angeschaut – viele Jahre lang mit Susanne Koller-Schmitz.

    Wie definierst Du Kreativität/Kunst für Dich?

    Mein Auge sieht etwas, was meinem Geist gut gefällt und mich angenehm berührt. Es entsteht ein inneres Bild – das ist im Grunde auch der Auslöser für mein Schaffen – damals wie heute. Dann setze ich mich hin und male es … meistens erst als schnelle Skizze, dann ausgearbeitet mit Aquarell oder Öl.

    Wie würdest Du Deine Kunst definieren?

    Sehr vielseitig hinsichtlich Motivwahl und mit ganz viel Spaß am Ausprobieren. Ein Thema, mit dem ich mich schon seit Jahren beschäftige, sind Menschen: Als Einzelporträt oder als Paare. Besonders stolz bin ich auf das Porträt von Elisabeth Klug, die aber leider 2025 im Alter von 100 Jahren verstorben ist.


    Welcher Künstler hat Dich möglicherweise geprägt?

    Ich bin nicht sicher, ob er mich geprägt hat, aber seine künstlerische Vielfalt mit den unterschiedlichsten Themen und Techniken bewundere ich an Pablo Picasso schon sehr. Kein Wunder also, dass ich ihn auch mal skizziert habe.

    Was bedeutet Dir künstlerischer Erfolg/Anerkennung?

    Ich denke jeder Mensch ist glücklich darüber, wenn er oder sie ein positives Feedback zu seinen Werken bekommt. Lob ist immer besser als Kritik – es sei denn ich kann daraus lernen.

    Mit welchen Farben arbeitest Du am liebsten?

    Mit Aquarell auf Papier – erst eine Skizze mit Bleistift oder Fineliner und dann die Farbe. Damit habe ich auch meine erste große Ausstellung im Rathaus Engelskirchen gehabt – gemeinsam mit Heide Braun. Den Zeitungsartikel habe ich immer noch.

    Aber natürlich auch mit Öl, das entschleunigt und ich muss mir vorher intensivere Gedanken über die Umsetzung machen.

    Arbeitest Du lieber allein oder mit anderen?

    Das Malen in der Gruppe hat mir immer viel Spaß gemacht, es lebte von Gesprächen, Inspiration und Feedback. Aber wirklich malen tue ich lieber in Ruhe in meinem Atelier. Dennoch sind viele meiner Arbeiten bei Treffen in der Gruppe entstanden: Vorwiegend Porträts und Garten-/Blumenbilder.


    Bist Du außer bei ENGELsART noch woanders Mitglied?

    Nein, ich bin schon seit Anfang an dabei. 1999 hat sich eine Gruppe zusammengefunden, die Kunst und Kultur in Engelskirchen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wollte. Ich denke das war eine sehr gute Idee.

    Zwischendurch habe ich aber auch bei den Kunstfreunden Oberberg 83 mit gemalt. Auch dort haben wir Ausstellungen präsentiert (u.a. im Oelchens-hammer) und Museen besucht.

    Was erhoffst Du Dir von einer Kunstinitiative?

    Genau das, was ENGELsART bietet: Ein Netzwerk von Künstler*innen, die sich austauschen und gemeinsam gestalten. Die von und miteinander lernen. Vielleicht mal gemeinsam Sketch-Crawlen und viel lachen.

    Welchen Stellenwert nimmt Kunst von anderen in Deinem Leben ein?

    Im Hinblick auf Schauen, Staunen und als Anregung einen großen. Aber ich habe nicht das Geld und den Platz um Kunst zu kaufen oder zu sammeln. Ich weiß ja nicht mal, wohin mit meinen eigenen Leinwänden … Aber zwei „externe“ Werke habe ich doch: Bei der Art Connection von ENGELsART habe ich mal ein Werk von Edith Fischer gewonnen und irgendwann vorher ein Bild von Graf von Spee (Sen.) geschenkt bekommen.

    Hast Du auch Kunst verkauft?
    Ja, immer mal wieder. Eine Zeitlang habe ich im Schaufenster vom Pflegedienst Graf/Kaltenbach jeden Monat zwei Werke ausgestellt, davon wurden auch einige verkauft – meistens Aquarelle. Aber natürlich verschenke ich hin und wieder auch Exemplare an Familienmitglieder oder Freunde.

    Hast Du einen künstlerischen Traum?

    Nein – ich wünsche mir lediglich, dass ich solange malen darf wie ich es noch kann.

    Auf meine letzte Frage: Hast Du ein Lebensmotto? schaut mich Evelyn mit großen Augen an.
    Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, aber vielleicht wird es jetzt einmal Zeit dafür …

    Ich danke Evelyn sehr herzlich für den netten Vormittag und wünsche ihr und ihrem Mann noch viele glückliche, gesunde und kreative Jahre …
    Elke Erben

  • Interview mit Michael Domas – 25.10.2023

    Michael Domas eröffnet unser Telefongespräch mit einem seiner Gedichte!

    Den Verächtern des Leibes

    (Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit – Friedrich Nietzsche)

    Poesie ist oft verfänglich,
    wenn der Dichter nicht zu bänglich.
    (Freilich müssen auch die Scheuen
    ihr Verhalten nicht bereuen.)

    Anyway, kommt es zum Akte
    (schön ist das für gänzlich Nackte),
    wird sich was im Fleische zeigen
    und die Verse übersteigen.

    Tuen wird der Leib das Ich statt
    es zu reimen. Was es nicht hat,
    das Gedicht, der Leib wird’s sagen
    und in neue Verse tragen.

    So bin ich aufs Schönste eingestimmt auf unseren gemeinsamen Spaziergang zu der Veranstaltung „Die Kunst über die Liebe“, die am 4. November im Alten Baumwolllager erlebt werden kann.

    Michael Domas schreibt selbst Texte, vor allem Gedichte.

    Sprache ist das Medium seiner Wahl, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen und Gedanken eine künstlerische Form zu geben, das heißt, etwas neben die Wirklichkeit treten zu lassen.

    Die sprachliche Gestaltung ist zugleich Vertiefung und Verarbeitung eines Themas oder einer Idee. Durch die Bindung an Vers und Reim entsteht etwas Neues, etwas Ästhetisches, das leichter macht, das Leben auszuhalten.

    An diesem trüben, regnerischen Herbsttag reden wir über die Liebe – 2die Wahl des Themas hätte nicht passender sein können!

    Erste Schritte – „Die Kunst über die Liebe“ – was war die Motivation zu diesem Projekt?

    Die Liebe trifft Menschen mit großer Wucht. Liebe ist, wie ich es mit meinem Gedicht sage, der Schnittpunkt zwischen Körper und Seele.

    Die Liebe ist eine eigene Sprache, die entdeckt und verstanden wird, indem man liebt. Nichts berührt Menschen so stark wie die Liebe.

    Und der Hass! Aber es ist eben angenehmer, über die Liebe zu schreiben, selbst über das Liebesunglück, deshalb wird kein Thema so viel besungen und bedichtet. „Herz“ und „Schmerz“ reimt sich auch heute noch – und auch heute suchen Menschen besonders häufig nach Liebesgedichten – in Zeiten des Internets lässt sich das leicht nachprüfen anhand der Klicks und Likes.

    Lyrik wirkt durch die Form über das Bezeichnete hinaus, es ist etwas darin wie in der Musik, bei der man auch über ihr Eigentliches nicht sprechen kann.

    Hier nun, beim Auftritt bei EngelsArt, kommen auch Lieder noch hinzu. Wir sind dabei ein harmonischer Dreiklang, befreundet seit unserer Jugend in Trier. Christine Reles und Jules Thesen treten gemeinsam auf als das Duo „Christine und Jules“. Mit Klavier und Gitarre begleiten sie sich zu ihren Liedern, die von den großen und kleinen Begebenheiten des Lebens erzählen. Neben den selbst komponierten von Christine Reles gibt es auch Coversongs unter anderem von André Heller, Hannes Wader, Jacques Prévert und vor allem Georges Moustaki. Mit ihrer Musik laden sie ein, Stimmungen nachzuspüren, einen Augenblick zu genießen und sich an Kunst zu erfreuen.

     Gab es von Anfang an eine genaue Vorstellung von dem Programm?

    Wir haben uns getroffen und zusammengetragen, was wir an Gedichten und Liedern in unserem Repertoire haben. Aus diesem Fundus entstand das Grundgerüst für erste Wohnzimmerkonzerte vor Freunden und Bekannten – das waren unsere ersten Schritte. Einmal unterwegs, ergaben sich viele neue Ideen – wir alle drei sind schöpferische Menschen und so entstanden immer weiter Songs und Texte, die das Programm am Samstag in Engelskirchen bereichern werden. Wir überraschen uns sozusagen selbst mit dem, was wir, einmal angestoßen, auf die Bühne bringen.

     Was war das größte Vergnügen auf dem gemeinsamen Weg?

    Jules hat eine Melodie geschrieben, in die ein Gedicht von mir hineinpasste. Das hat mich ganz außerordentlich gefreut – und es ist auch bei dem Publikum besonders gut angekommen.

     Publikum – ein gutes Stichwort! Kunst braucht Publikum – mit welcher Absicht tretet ihr auf?

    Ganz grundsätzlich hoffe ich natürlich, möglichst viele Menschen zu gewinnen für die Schönheit des gesprochenen und gesungenen Wortes. In Köln präsentiere ich im „Heimathirschen“ ein Programm unter dem Titel „poetry trifft Poesie“. Poetry Slam, also das gesprochene, gestaltete Wort, lockt Heerscharen von jungen Menschen an, von denen es ja oft heißt, sie seien geradezu analphabetisch oder doch illiterat.  Wenn sie sich begeistern für Sprachkunst – warum dann nicht dort auch ansetzen und die Schreibkunst ins Spiel bringen? Ich antworte dort in Resonanz auf die Slammer mit Gedichten. So begegnen sich spoken und written word.

    „Die Kunst über die Liebe“, so heißt unser Programm in Engelskirchen. Wir wollen die Kunst feiern, die Kunst, die über die Liebe spricht und die über sie hinausgeht. Wir hoffen, dass das Publikum unsere Begeisterung und unseren Spaß teilt!

     Was war besonders prägend während der Arbeit an dem Projekt?

    Wie sich unser Repertoire gegenseitig ergänzt und ineinandergegriffen hat, und in wie schöne Kunst jetzt meine Gedichte eingebettet sind.

     Und wie geht es weiter?

    Alles liegt in unseren Händen! Wir werden weiter auftreten – und vor allem aber weiter Lyrik und Musik machen!

    Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch

    Katja Gerlach

    Hier finden Sie noch mehr über Christine Reles, Michael Domas und Jules Thesen:

    https://michael-domas.de

    https://www.jules-music.eu/kostproben

    https://christine-reles.de

  • Interview mit Achim Lahr – 13.09.2023

    Achim Lahr treffe ich zu Hause, in der Küche. Frischer Apfelkuchen duftet lecker, auf den Ablagen ringsum stapeln sich Bücher, frisch gedruckt, Flyer, selbst gestaltete für Veranstaltungen von EngelsArt und gesammelte von interessanten Events, Informationen und To-Do-Listen.

    An den Wänden hängen Bilder und Fotos, die eine Einstimmung geben in das Leben der Familie: bunt, lebenslustig, reisebegeistert, aktiv, immer mittendrin. Für Achim könnte der Tag gut mehr Stunden haben, aber auch so passt viel hinein in sein (Ruhe(?)-stands-)leben: Immer gefragt, wenn es um Organisation und Technik geht, immer gut für neue Ideen, die dann auch umgesetzt werden, immer mit wachem Blick unterwegs, um Motive für seine Bilder zu entdecken – und dann auch noch Zeit, um den Tag im Garten oder Pool ausklingen zu lassen und die Sterne zu betrachten. Man tut gut daran, bequeme Schuhe zu wählen für das Stück Weg, das in diesem Gespräch beschritten wird! (Achim hat viele, auch farbenfrohe Exemplare davon im Schrank!)

    Erste Schritte – wie kamen Kunst und Kulturarbeit in dein Leben?

    Kunst erleben, Ausstellungen und Konzerte besuchen, das war immer schon meine Leidenschaft. Besonders schön ist es natürlich, dass ich mein Interesse inzwischen auch mit meinen Töchtern und meiner Frau teile. Mit einer von ihnen nahm ich zuletzt an einem Workshop im Hans Arp Museum teil. Meine Frau schenkte mir vor vielen Jahren einen Malkurs in der Gruppe „Farbspiel“ in Rösrath – als Ausgleich zu meinem Beruf. Über viele Jahre fand ich dort, was ich für meine künstlerische Entwicklung brauchte: Anregungen zu neuen Techniken, Austausch mit Gleichgesinnten und die ersten Schritte in die Öffentlichkeit, indem wir Ausstellungen organisierten. Dort lernte ich Zeichnen, später auch vor allem Landschaftsmalerei.  Aus gegenständlichen Bildern, etwa in Erinnerung an Reisen nach Venedig, wurde mehr und mehr abstraktes Spiel mit Farben. Landschaften prägen sich mir vor allem durch die Farbigkeit ein – die Atmosphäre, die durch unterschiedliche Lichtverhältnisse, die Jahreszeiten, Sonnenauf- oder untergang geschaffen wird, möchte ich im Bild einfangen. Mit Pinsel und Spachtel bringe ich kräftige Farben auf Papier, Holz oder Leinwand – so empfinde ich die starke Energie von Landschaft und Natur.

    Schon in meiner ersten Malgruppe ging mein Engagement über die Malerei hinaus: Wenn wir eine Ausstellung planten, gehörte Werbung, der Druck von Plakaten und Flyern und das Hängen der Bilder dazu. Schon immer war ich technikbegeistert, dazu durch meinen Beruf als Radio- und Fernsehtechniker erfahren auch im Durchführen von großen Veranstaltungen. Ich konnte also gar nicht anders, als diese Fähigkeiten auch in der Ausübung meines größten Freizeitvergnügens einzusetzen.

    2017 begann mein Ruhestand – und das war auch der Beginn meiner Mitarbeit bei EngelsArt. Die Aktivitäten der Gruppe kannte ich schon, die Neugier trieb mich zum Jour fix, mein Interesse an der Kulturarbeit und meine Lust, neue Kontakte zu knüpfen, führte schnell dazu, dass ich im Sprecherrat mitarbeiten konnte. Das mache ich bis heute.

    War das von Anfang an das Ziel für den neuen Lebensabschnitt, den Ruhestand? Oder ist der Weg das Ziel?

    Da steckt kein Plan dahinter! Vielleicht ist das auch genau der Charme des Ruhestands, dass man die Chancen ergreifen kann, die sich bieten – ganz nach dem freien Lustprinzip!

    Was war das größte persönliche Vergnügen auf dem Weg? Gab es Überraschungen?

    Für meine Arbeit bei EngelsArt besteht das größte Vergnügen in der Gestaltung der Technik. Seit 2019 bin ich da mehr und mehr zuständig und habe zum Beispiel die Organisation der Licht- und Tontechnik für die Engelsrevue übernommen. Außerdem gab es Videoclips, die die Aufführung begleiten sollten – leider konnten wir die Show durch Corona – und schließlich durch den Tod von Harry Cremer, der Autor, Initiator und Seele des Stücks war, nicht aufführen. – Zuletzt gab es viel Zustimmung zu der Ausleuchtung der Bühne und Lichteffekte bei Amöbenpank, der Band von Manuele Klein und Detlev Weigand. Mit wenig Aufwand tolle Effekte zu erzielen, ist für mich immer eine tolle Herausforderung.

    Das letzte große Projekt, an dem ich mitarbeiten durfte, war die Skulptur zur Städtepartnerschaft für die Gemeinde Engelskirchen. Das Vergnügen gipfelt jetzt in einem Kunstwerk im öffentlichen Raum – das erfüllt mich natürlich auch mit Stolz. Bis dahin war der Weg lang und gestaltete sich durch sehr vielfältige Aufgaben: zunächst die gemeinsame Planung mit Renate Seinsch, Manuele Klein und Detlev Weigand, dann die Suche nach Sponsoren und schließlich die Realisierung des Projekts und dadurch die Kontakte zu verschiedenen Gewerken der Metallbearbeitung. So konnte ich den Weg eines Kunstwerks wirklich von Anfang bis Ende begleiten – das war schon ein besonderes Erlebnis.

    Für mich als Künstler ist es natürlich ein besonderes Vergnügen, wenn meine Bilder gefallen, vielleicht auch gekauft werden. Wenn ich an meine Bilder und an die Entwicklung der letzten Jahre denke, fallen mit zwei Ereignisse ein, die auf den ersten Blick nichts, dann aber wieder viel gemeinsam haben und bei denen Vergnügen mitschwingt, leider aber auch eine eher böse Überraschung: Island und Corona.

    2020 war ich nur für drei Tage auf Island, aber dieser Aufenthalt hat mich sehr beeindruckt. Die Landschaft in dieser extremen Gegend, dazu die unglaubliche Stille – das hat noch lange nachgewirkt. Die Bilder, die nach dieser Reise entstanden, sind eher Farbkompo-sitionen als Landschaften. Die Beschäftigung mit diesem Thema dauerte lang und zog sich durch die Corona-Zeit.

    In dieser extrem außergewöhnlichen Zeit erlebten wir alle einen Stillstand, dadurch auch viel stille, planungsfreie Zeit mit Raum für Kreativität.

    Kunst braucht Publikum – was bedeutet dieser Satz für dich?

    Applaus ist der Lohn des Künstlers! Ich freue mich über Menschen, die meine Kunst anspricht, genauso wie über das Feedback an uns als Veranstalter. Wie oft hören wir Anerkennung zur Gestaltung der Räume und zur Durchführung von Veranstaltungen. Das motiviert mich immer wieder, weiterzumachen!

    Ich denke auch, dass wir mit unserer Arbeit bei EngelsArt genauso wie ich mit meiner Malerei zeigen kann, dass man etwas bewegen kann. Wenn ich also dem Publikum etwas sagen wollte, wäre es so etwas wie: Mut zur Farbe! Keine Angst vor Aktionen! Rauf auf die Bühne! Bewegt euch!

    Welches Ereignis war besonders prägend während der Zeit deiner aktiven Kunst- und Kulturarbeit? Hat es etwas verändert?

    Corona! Da gab es ein bisher nicht gekanntes Erleben von Endlichkeit. Das setzt sich natürlich mit zunehmendem Alter fort – man feiert mehr Begräbnisse als Hochzeiten.

    Diese Zeit hat uns einen Schrecken versetzt, uns aber gleichzeitig vielleicht sensibler gemacht. Ich weiß noch mehr, was ich schätze und was mein Leben als Mensch und als Künstler prägt: Der Zusammenhalt in der Familie ist mir wichtig, die Begegnung nicht nur, aber auch bei Festen. Die Reisen der letzten Jahre nach Südamerika und Afrika haben meinen Blick in die Welt geöffnet: Die überwältigende Natur, fantastische Landschaften in allen Schattierungen wahrzunehmen, erfüllt mit großer Begeisterung. Und gleichzeitig wird mir bewusst, wie klein und unbedeutend wir sind. In der Malerei kann ich solchen Eindrücken noch intensiver nachspüren, als wenn ich nur ein Foto mache. Die Natur ist für mich die größte Künstlerin – und der Mensch ist gleichzeitig ihr größter Bewunderer und auch Zerstörer.

    Und wie geht es weiter?

    Ich stecke voll positiver Energie, voller Lust auf neue Entdeckungen. Also: nichts aufschieben! Die Zeit nutzen! Nicht nur planen, auch machen!

    Ich danke herzlich für ein intensives Gespräch!
    Katja Gerlach

    Weitere Infos zu Achim Lahr:

    https/farbspiel.eu

  • Interview mit Renate Seinsch – 04.08.2023

    Erste Schritte mit Renate Seinsch

    Eine maisgelbe Jacke wärmt sie an diesem trüben, regnerischen Sommertag, goldgelb leuchtet ihr Schmuck wie um dem Wetter und den allgemeinen Umständen etwas Glanz und Licht entgegenzusetzen – mit dem vertrauten breiten Lächeln öffnet Renate Seinsch mir die Tür in ihrem Haus in Birnbaum.

    ​Die vielen kleinen Räume haben einen hohen Unterhaltungswert: Ihre Bilder erzählen von ihrer unerschöpflichen Kreativität, der Vielseitigkeit ihres künstlerischen Ausdrucks, von einem wachen Blick auf ihre Umgebung und tiefem Verständnis und oft auch ihrem Witz, mit dem sie darauf reagiert.

    Der Sommer 2023 geht als heißester Sommer seit Menschengedenken in die Geschichte ein – nur in Deutschland und besonders in Oberberg bleibt es regnerisch und kühl. So findet unser Gespräch nicht im Garten, sondern in der gemütlichen Küche statt. Ach, Garten! Was sage ich! Ein ganzes großes Stück Land ist hier bepflanzt, gestaltet, belebt, von den Bewohnern sichtlich immer wieder bestaunt und geliebt – ein wahres Paradies, umfriedete Natur, die immer wieder Inspiration für ihre Kunst war und ist.

    Die Ausstellung „Die Bilder fliegen mich an“,
    die im September im Alten Baumwolllager gezeigt wird, ist schon lange geplant – und doch ist dieses Jahr alles anders. Diese Retrospektive zum 85. Geburtstag sollte Teil einer großen, fröhlichen Feier werden. Aber der Sommer entwickelte sich ganz anders als gedacht: Jörn Seinsch, Renates Mann, wurde mitten in der Gartenarbeit von einem Schlaganfall getroffen und starb Ende Juni.

    Alles ist anders – und die Gleichzeitigkeit von Trauer, Schmerz und Lebensmut und Gestaltungswillen wird beinah körperlich erfahrbar. Plötzlich auf sich gestellt, nach 60 Jahren Ehe allein im großen Haus, umgeben von Erinnerungen, zeigt sich auch das, was Renate Seinsch immer ausgemacht hat: Sich aufrichten, in ganzer Größe und mit lauter Stimme furchtlos kundtun, was sie will und denkt. Die Ausstellung wird eröffnet werden! Das Interview findet statt! Auch Staunen und Freude über das eigene Leben, Lachen, Glückwünsche und Applaus haben ihren Platz! Die Geschichten, die man anderen erzählt, das Lachen, das man aussendet, kommen auch wieder zu sich selbst zurück: Das kann man im Zusammensein und im Gespräch mit Renate erleben.

    Die Ausstellung, die am 02. September eröffnet wird, zeigt Bilder aus verschiedenen Schaffensphasen eines langen Künstlerlebens. Wo beginnen da die „ersten Schritte“?

    Schon in der Schule baten meine Freundinnen mich, ihre Bilder zu vervollständigen – seit ich denken kann, male und zeichne ich leidenschaftlich. Gerne wäre ich Modezeichnerin geworden, aber meine Eltern waren gegen eine Ausbildung. So arbeitete ich ein paar Jahre bei der Deutschen Bank in Bonn als angelernte Kraft und bekam sicher das originellste Arbeitszeugnis, das man als Bankangestellte so kriegen kann. Neben meinem Fleiß und meinem Engagement wurde besonders gelobt, wie ich mich durch das Zeichnen von Glückwunsch- und Weihnachtskarten aller Art, durch Illustrationen in der Firmenzeitung und zu anderen Gelegenheiten verdient gemacht hatte.

    Die folgsame Tochter hat also still und heimlich doch ihr Ziel verfolgt?

    Ich könnte nicht sagen, dass ich einen Plan hatte, dass ich damals schon wusste, wo der Weg hingehen würde. Aber ganz sicher gab und gibt es einen unwiderstehlichen Drang in mir, mich künstlerisch auszudrücken – und dafür habe ich immer alles getan. Über vier Jahrzehnte besuchte ich Lehrgänge; vor allem die Bonner Maler Jean Dotterweich und Manfred Weil vermittelten mir grundlegende Kenntnisse in der Ölmalerei, bei der Studiengemeinschaft Darmstadt lernte ich Karikatur und Zeichnen sowie in der PH Bonn Aktmalerei, schließlich absolvierte ich auch eine Akademieausbildung mit Abschluss der Meisterklasse an der Malakademie Köln. Die bildende Kunst ist mein bevorzugtes Mittel, um mich auszudrücken – und darin wollte ich einfach so gut wie möglich werden.

    Lange glaubte ich aber nicht wirklich an die Möglichkeit eines Erfolgs. Das änderte sich schlagartig 1967: Damals gab es ein Preisausschreiben der Frauenzeitschrift Constanze zusammen mit dem Hersteller von Q-Tipps unter dem Titel: „Mütter malen mit Wattestäbchen. Aus der Welt meines Kindes“. Am letzten Tag reichte ich meinen Beitrag ein: Auf einem schmalen Pappkarton gemalt, schaut ein kleiner Junge seinem Luftballon nach. Per Telegramm erhielt ich die Nachricht, dass ich den dritten Platz unter 700 Einsendungen gemacht hatte. 300 DM gab es – eine anständige Summe Geld, für die wir uns einen Teppich kauften! Dazu eine Ausstellung im Künstlerhaus München – da wurde selbst meinem Mann endgültig klar, wen er da geheiratet hatte! Er richtete mir gleich ein Atelier in unserem Haus in St. Augustin ein, das ich aber eigentlich nie richtig nutzte. Familie, Mitarbeit in unserer Kanzlei, die Arbeit im Haushalt – da passte es für mich nicht, mich ins Atelier zurückzuziehen.

    Folgsame Tochter – das passt ganz gut zu mir, eigentlich überraschend gut, wenn ich mich mit den Blicken anderer sehe. Mitschülerinnen, Mitstudierende, später auch andere Wegbegleiter kennen mich als eine forsche Person, die keine Scheu hat, den Mund aufzumachen, sich auf die Bühne zu stellen, ihre Meinung zu vertreten. So hatte ich oft die Rolle der Wortführerin, derjenigen, die Reden schwingt – und der Erfolg, den ich damit hatte, besiegte meine Unsicherheit. Aus einer braven Tochter und Schülerin ist heute eine richtige Macherin geworden! Man wächst eben mit den Aufgaben, die man übernimmt!

    Folgsam war ich auch lange in der Zeit meiner künstlerischen Ausbildung. Treu folgte ich meinen Lehrern, machte ihre Aufgaben zu meinen – erst allmählich entwickelte ich meinen eigenen Stil. Mein damaliger Lehrer Leyendecker in der Malakademie unterstützte mich, als ich in einem Kurs bei ihm anfing, Kühe zu malen, so wie ich sie sah und wie ich sie zeigen wollte. Daraus wurde ein ganzer Zyklus mit Nutztieren. Mein Mann Jörn und ich, wir begannen damals, uns aktiv für den Tierschutz einzusetzen – mein künstlerischer Ausdruck hatte einen wirklichen Antrieb.

    Es dauerte dann aber noch einmal, bis der Knoten wirklich platzte.
    Das war bei meiner ersten Einzelausstellung 1999 im Heimatmuseum in Bergneustadt mit dem Titel „Viechereien“. Die Anerkennung beflügelte mich! Gleich sieben Bilder verkaufte ich!

    Und dann kamen Anfragen von der Stadt Gummersbach, vom Lions-Club, die mich baten, bei Ausstellungen mitzumachen. Plötzlich hingen meine Bilder nicht nur im Oberbergischen Kreis, sondern zum Beispiel auch in Frankreich, in unserer Partnerstadt LaRoche.

    Mich brachte also weniger mein eigener Ehrgeiz, ein Ziel zu erreichen, nach vorne, sondern eher die Erfahrung, gefragt zu werden. Diese Reaktion auf meine Kunst ist ein ganz wesentlicher Glücksmoment, aus dem Energie für den weiteren Weg erwächst.

    Was ist das größtmögliche Vergnügen auf deinem Weg als Künstlerin?

    Ideen zu meinen Bildern sind nicht das Ergebnis langer Überlegungen. Bilder fliegen mich an – und dann werden sie gemalt! Die höchste Befriedigung gelingt natürlich nicht bei jedem Bild, aber der schönste Lohn für mich ist, wenn mir ein Bild gelingt, das ich als vollkommen im Ausdruck empfinde. Oft ist das der Fall, wenn man in einen Flow gerät, einfach getragen wird, ein Werk in einem Guss vollenden kann, ohne großes Nachsinnen oder Korrigieren. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Man könnte singen, tanzen, jauchzen, sich betrinken – man erlebt, wie die innere Energie Gestalt, Form und Farbe annimmt – einfach umwerfend!

    Kunst braucht Publikum – was willst du deinem Publikum mitteilen?

    Meine Bilder teilen sich selbst mit – da braucht es keine Erklärung. Der Betrachter sieht, was für ihn wichtig ist und spürt, was ihn anspricht. Wenn ich meinem Publikum etwas mitteilen will, dann eher ganz grundsätzlich: Für mich ist ein Leben ohne kreativen Ausdruck undenkbar – und so oft hat mir die Kunst geholfen, auch schwierige Lebensphasen zu meistern. In meinen Bildern, in meinem künstlerischen Schaffen habe ich immer einen Weg gefunden, diese Künstlerinnenseele in mir lebendig zu halten – und dort liegt oft die Quelle meiner Energie und Lebensfreude. Wenn sich jemand durch mich anstiften lässt zu Kreativität, dann finde ich, meine Botschaft ist angekommen!

    Im Übrigen: Sobald ein Bild an die Öffentlichkeit geht, tut meine Aussage nichts mehr zur Sache.
    Der Betrachter sollte seine eigene Interpretation finden, die ausschließlich seiner Gefühls-
    und Denkart entspricht.

    Welche Begegnung war besonders prägend auf deinem künstlerischen Lebensweg?

    Lange habe ich an mir selbst, an meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten gearbeitet und mich ausgebildet – mein wirkliches Leben als Künstlerin begann aber damit, dass ich von anderen wahrgenommen wurde und plötzlich zu einer Gruppe von Menschen gehörte, die ebenfalls als Künstler in der Öffentlichkeit auftraten. Die Begegnung mit anderen, der Austausch, gemeinsame Projekte, das Gefühl, andere zu begeistern mit dem, was man tut – das sorgt für eine Lebendigkeit, eine Fröhlichkeit, die man alleine im Atelier nicht erreicht.

    EngelsArt, die Kunst- und Kulturinitiative in Engelskirchen, ist da natürlich ein ganz besonderes Beispiel! 2000 war ich als Gründungsmitglied dabei, als sich die Gruppe zusammenschloss, um Kulturarbeit in Engelskirchen lebendig zu machen. Bis heute bin ich Mitglied im Sprecherrat. Anfangs hatten wir noch nicht das Alte Baumwolllager als Spielstätte, sondern bewegten uns mit einer Kulturkarawane durch die Stadt, hielten Lesungen auf dem Hit-Parkplatz ab oder veranstalteten Konzerte und Events in Privathäusern. So auch 2002 bei den Birnbaumer-Kunsttagen auf unserem Grundstück – ein fantastisches Fest mit 20 Künstlerinnen und Künstlern, die bei uns im Garten, im Stall und auf dem ganzen Gelände ausstellten. Das Publikum brachte sich zum Teil Picknickdecken mit und feierte zwei Tage lang!

    2005 fand eine große Ausstellung unter dem Titel „Wertlos“ im Park hinter der Engelsvilla statt – dort präsentierte ich meine „Wanderstühle“. Mit EngelsArt zusammen organisierte ich jedes Jahr die Tage der offenen Ateliers, durch die sich Künstlerinnen und Künstler in ganz Oberberg präsentieren konnten.

    Dadurch knüpfte ich so viele Kontakte und schloss Freundschaften – mein Engagement bei EngelsArt förderte mein Selbstbewusstsein ordentlich! – Selbst die Coronazeit wurde durch EngelsArt erträglicher – Teil unserer Aktionen waren auch meine Frauenporträts in den Schaufenstern von Ründeroth und Engelskirchen, die als Mutmacherinnen auftraten!

    Wir begegnen dir und deinen Werken ja auch immer mal wieder in der Öffentlichkeit!

    Ja, der Ankauf von Bildern für die Rathausgalerie in Gummersbach und die Tatsache, dass meine Hühner beim Bundesverband der deutschen Geflügelzüchter in Berlin hängen – das macht mich schon sehr stolz! Außerdem durfte ich das Altarbild der Heiligen Elisabeth in der katholischen Kirche in Nochen gestalten und erhielt dafür sehr berührende Reaktionen. Und einer meiner Wanderstühle aus der Aktion „Wertlos“ steht als Andenken daran im Foyer der Engelsvilla. Zuletzt wurde die Skulptur zur Städtepartnerschaft von Engelskirchen und Plan de Cuques in Frankreich und Mogilno in Polen vor dem Rathaus in Engelskirchen eingeweiht. Dieses Symbol der Partnerschaft und Freundschaft ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Manuele Klein, Detlev Weigand und Achim Lahr.

    Und wie geht es weiter?

    Am liebsten immer weiter so! Aber ich weiß natürlich, dass die Endlichkeit des Lebens mich einschränkt. Große neue Pläne mache ich nicht. Trotzdem: Ich möchte immer weiter dabei sein! Das Leben im Jetzt wird immer wichtiger. Ich bin offen für die Veränderung, die diese Phase mit sich bringt. Welche Themen werden mich jetzt anfliegen? Wie werden meine nächsten Bilder aussehen? Ich vertraue auf meine Lebendigkeit – alles wird sich zeigen!

    Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses Gespräch!

    Katja Gerlach


    Und hier gibt es mehr zu sehen von Renate Seinsch:

    http://www.renate-seinsch.de/

  • Interview mit Karl Feldkamp – 01.03.2022

    Meine erste Anfrage für ein Interview mit
    Karl Feldkamp liegt knapp zwei Wochen zurück – gut gelaunt blickte er damals seinem Urlaub entgegen. Wir verabredeten uns für Anfang März – nun in einer anderen Zeit: Krieg in der Ukraine, lange Truppenaufmärsche Richtung Kiew, kampfbereite Menschen verschanzt in Kellern und U-Bahnschächten, verzweifelte Mütter mit ihren Kindern auf der Flucht.

    ​Es braucht eine Zeit der Vorbereitung, bis der Kopf frei ist für ein Gespräch über das Schreiben mit dem Leiter der Schreibwerkstatt „Wer schreibt. Bleibt.“, die regelmäßig das Programm von EngelsArt bereichert. Das nun schon vertraute Krisenthema, Corona, ist Grund für die Entscheidung, dass ich Karl Feldkamp am Telefon treffe. Als Schriftsteller verfasst er vor allem Lyrik und Erzählungen. Seine Auseinandersetzung mit der Sprache spürt man in seinen genau formulierten Antworten, die nahezu verdichtete Reaktionen auf meine Fragen sind. Die Konzentration im Gespräch, fernab der Tagespolitik, erlebe ich als wohltuend. So bekomme ich vielleicht eine Ahnung von der zugewandten Atmosphäre, die in seiner Schreibwerkstatt herrschen mag: Das Wort, das man für eine innere Stimmung findet, spiegelt und macht dadurch fassbar, was vorher noch unaussprechlich schien.

    Erste Schritte – was war die Motivation für das Vorhaben, in Engelskirchen die Schreibwerkstatt „Wer schreibt. Bleibt.“ zu gründen?

    Schreibwerkstätten sind kreative Orte, an denen ich mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Motivation zu unterschiedlichen Themen gearbeitet habe. In Köln habe ich an der Volkshochschule Schreibwerkstätten angeboten, in Bergisch Gladbach als Mitglied der Autorengruppe Wort und Kunst – immer wieder hat es mich interessiert, mit Menschen an ihren Geschichten zu arbeiten. Als Sozialarbeiter und Supervisor bringe ich sicher auch ein professionelles Interesse an der Persönlichkeit hinter der Geschichte mit. Durch meine Arbeit habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wie ich Menschen ansprechen und zum Reden bringen kann.

    Nun ist natürlich nicht alle Literatur autobiographisch! – Hier in Engelskirchen traf sich aber tatsächlich das Bedürfnis eines Großvaters, der ich inzwischen geworden war, seinen Enkeln die eigene Geschichte zu erzählen, mit dem gelungenen Start einer Gruppe, die eigentlich genau das zum Ziel hatte. Inzwischen trifft sich die Gruppe seit drei Jahren. Jüngere sind dazugekommen, so dass sich neue Themen ergeben.

    So war also der Weg das Ziel?

    Das kann man so sagen. Über den Austausch in der Gruppe schälen sich Themen heraus, die häufig autobiographisch sind. Es ergeben sich aber genauso auch Erzählungen über ein Familienmitglied, das eine besondere Rolle gespielt oder ein historisch interessantes Leben geführt hat. Andere wieder entdecken Themen, die sie essayistisch betrachten. Das Leben als solches wie auch das Älterwerden im Besonderen bieten da unerschöpfliche Anlässe.

    Was war die größte persönliche Überraschung, das größte Vergnügen bei Ihrer Arbeit in der Gruppe „Wer schreibt. Bleibt.“?

    Die größte Zeit meines Lebens war ich ein Stadtbewohner: Lübeck, Osnabrück, Köln, Bergisch Gladbach. Als ich dann, beladen mit besorgten Warnungen von Freunden, nach Wallefeld, aufs Land zog, war tatsächlich die erste Überraschung, dass meine Vorurteile sich nicht bestätigten! Interessierte, interessante Menschen leben hier – mit einem künstlerischen Anspruch und Niveau, das ich nicht erwartet hatte! Musik, Kunst, Literatur – hier trifft man alles – und das sozusagen zum Anfassen, ohne Distanz schaffenden Orchestergraben.

    Ein großes Vergnügen ist für mich in der Arbeit unserer Gruppe das Gespür für Wortspiele und Humor, auch sich selbst gegenüber. Ich treffe auf gute Kritikfähigkeit und wenig Arroganz oder Beleidigtsein, dafür aber auf das rechte Maß gegenüber sich selbst.

    Kunst braucht Publikum. Welche Rolle spielt dieser Gedanke in der Gruppe?

    Die Gruppe selbst ist immer das erste Publikum! Die erste Veröffentlichung erfolgt durch das Vorlesen in der Gruppe. Es schließt sich ein Feedback an, das manchmal noch einmal einen schöpferischen Prozess in Gang setzt.

    Nicht immer, aber doch immer wieder, ergeben sich weitere Möglichkeiten zur Veröffentlichung, auch für ein größeres Publikum. Einige Teilnehmer schreiben beispielsweise für Kirchenzeitungen.

    Im Raum stehen aber auch Überlegungen zu öffentlichen Lesungen, vielleicht in Verbindung mit Musik – und vielleicht auch schon Ende des Jahres!

    Welche Begegnung war besonders prägend während der Arbeit an dem Projekt?

    Da gab es nicht die eine Begegnung, die etwas verändert hat. Für mich war das besondere Erleben des Lebens auf dem Land prägend, weil bildend! Aus dem vorurteilsbeladenen Städter bildete sich einer, der die Welt kennenlernt, wie sie hier ist: Geprägt durch persönliche Kontakte, wirkliches Interesse der Nachbarschaft, zupackende Hilfe – und gepaart mit hohem Anspruch an das Leben und die Kunst.

    Auch in unserer Gruppe hat das persönliche Gespräch eine besondere Bedeutung. Es gibt wenig formale Hürden. Vielleicht ist es durch die Haltung dem Leben und dem Anderen gegenüber hier einfacher, ungekünstelt, also ohne den Umweg über die Kunst, über sich selbst zu reden? Vielleicht macht das den entscheidenden Unterschied zum Städter, wie er in meinem Kopf existiert, aus?

    Und wie geht es weiter?

    Es gibt keinen Grund aufzuhören! Schreiben ist wie langsames, reflektiertes Reden. So ist es beinah meditativ, eine Achtsamkeitsübung. Je mehr das geübt wird, umso besser! Gerade in der jetzigen Zeit ist es von besonderer Bedeutung.

    ​Ich danke herzlich für das Gespräch!
    Katja Gerlach

    Als Zugabe gibt es noch eine Kurzgeschichte von Karl Feldkamp:

    Der ganz normale Wahnsinn

  • Interview mit Wibke Brode – 07.10.2021

    Die leuchtenden Farben des Herbstnachmittags harmonieren aufs Schönste mit intensiv-farbigen Bildern, die die Wände im Haus von Wibke Brode zum lebendigen Museum werden lassen, mit den sich noch im Prozess entwickelnden Leinwänden in ihrem Atelier. Beim Betrachten der vielschichtigen, tiefgründigen Bilder öffnet sich der Betrachterin die Tür in eine ganz eigene Welt – schwingen zwischen Glitzer, Schellack, Blattgold und leuchtendem Pink orientalische Fantasien mit? Welche Geschichte verbirgt sich unter Schichten von Marmormehl, Kokosfasern, Wachs und Hasenleim, der trocknend aufbricht und darunter Liegendes erahnen lässt? Draußen arbeitet die Natur an ständiger Veränderung und Erneuerung – drinnen hat die Neu-Engelskirchenerin endlich genug Platz, um mit Farben und Material zu experimentieren, immer neue Ausdrucksformen zu finden für die schöpferische Energie, mit der sie sich beschenkt fühlt.

    Das Jahr 2021 hat Wibke Brode viele neue, erste Male beschert. Bescherung geschieht allerdings selten, ohne dass man selbst mit einer aktiven – vielleicht zunächst unbewussten – Impulsgebung für die Richtung sorgt: Mit ihrem Umzug von Köln ins Oberbergische entschloss sie sich, bei EngelsArt nicht nur Mitglied zu werden, sondern auch im Sprecherrat mitzuarbeiten – und als nächstes eine große Einzelausstellung im Baumwolllager zu präsentieren. Darüber werden wir heute sprechen.

    Was waren die ersten Schritte, die Motivation zu der Ausstellung „Kathedralen aus uns selbst“?​

    ​Die Möglichkeit, in Engelskirchen eine Ausstellung zu machen, hat meiner Kreativität einen ungeheuren Schwung gegeben! Seit Corona hat es keine Ausstellungen mehr gegeben – und mit einer Ansammlung von fertigen Bildern im Atelier erstickt man förmlich! Die Arbeit muss an die Luft, muss ein Publikum haben – meine Freude ist also entsprechend groß!

    Seit ich denken kann, fasziniert mich, wie es uns Menschen gelingt, Objekten eine Seele einzuhauchen. Wie kommt es, dass wir etwas schaffen, das dann als schön empfunden wird? Warum werden wir berührt durch Kunstwerke? Wie entsteht eigentlich diese spirituelle Aufladung von Bildern, Orten, Objekten? Das schlichte Kreuzzeichen enthält eine mächtige Aussage, ägyptische Götterstatuen haben über Jahrhunderte hindurch eine immer wieder erkennbare Form, die zum Ausweis für ihre Göttlichkeit wurde. Tempel, Moscheen, Kirchen, alle heiligen Stätten ziehen Menschen in ihren Bann, lenken die Aufmerksamkeit – auf Gott!? Oder nach Innen?!

    „Kathedralen aus uns selbst“ – der Titel meiner Ausstellung schlägt da einen Bogen. Ich erschaffe mit dem Bild einen Raum, der sowohl für mich als auch für die Betrachter alles möglich macht: Welche Gefühle löst der Anblick aus? Was geschieht mit mir? Alles, was in uns ist, darf sich zeigen, frei von jeder Bewertung.

    Gab es von Anfang an ein Ziel? Oder ist der Weg das Ziel?

    Ich arbeite ohne Vorstellung und ohne Plan. Der Zufall spielt in meinem Leben und in meinem Werk eine große Rolle. Die Begegnung mit ihm ist für mich eine beglückende Erfahrung! Auf beinah magische Weise wirkt so jemand mit an meiner Arbeit, ich bin nicht alleine. Es ist ein bisschen so, als würde ein göttliches Wesen mitmachen und das Werk beseelen. So entsteht ein inniger Dialog – und meine Aufgabe ist es, aufmerksam zu sein und zu erkennen, was sich zeigen will.

    Ich betrachte den Zufall als Chance – durch ihn wächst mir etwas zu, das vielleicht größer ist, als ich es je hätte denken können. Dabei habe ichtiefes Vertrauen und kann gut annehmen, was da kommt. Alles darf passieren. – Auch die schweren Momente, die Brüche im Leben müssen sich zeigen, hinterlassen Narben. Das kann man gut an den Hasenleimbildern sehen, bei denen die Oberfläche aufbricht und so neue Strukturen schafft, ohne jedoch das Bild zu zerstören oder ihm etwas zu nehmen. Gerade diese sich öffnenden Bruchstellen machen tiefere Einblicke möglich, ziehen das Interesse auf sich, fordern neue Lösungen – im Bild genau wie im Leben.

    Mich trägt eine positive Grundeinstellung, ein Fundament aus Heiterkeit, Optimismus und Vertrauen. Dafür bin ich sehr dankbar, da es innerlich unglaublich frei macht. Ich muss mich nicht an Sicherheiten klammern, wenn ich denke, dass der vor mir liegende Weg sich im Gehen gestalten wird. Ich bin nicht festgelegt, kann gut auf mein Gefühl hören und das, was ich wahrnehme, spielerisch umsetzen.

    Was ist das größte Vergnügen auf dem Weg?

    Das Spiel mit neuen Materialien, die schier unendlichen Möglichkeiten und Erfahrungen beim Experimentieren sind das schönste Seelenfutter für die Künstlerin in mir! Das größte Vergnügen ist die Neugier auf das nächste Bild! Jedes ist eine Überraschung, kann eine Spur fortsetzen, aber auch gänzlich anders werden.

    Anfangs habe ich tief weinrot monochrome Bilder gemalt, die eine gewisse Dramatik ausstrahlten. Ohne eine Antwort darauf zu finden, habe ich mich schon gefragt, was mir jemand damit sagen will, dass ich so hartnäckig bei dieser Farbe geblieben bin. Im Laufe der Zeit haben sich die Bilder verändert: Pink überwiegt, lebensbejahend, fröhlich, das Leben feiernd!

    Die Bilder entwickeln sich, wachsen langsam, trocknen, reißen auf, werden geschliffen, aufgeraut, lackiert, übermalt. Farben stoßen sich ab, fließen, vermischen sich – oder auch nicht – jedenfalls ist nicht alles vorhersehbar, was da heranwächst. Die Bilder haben tatsächlich ein starkes Eigenleben und haben, wie jedes Individuum, ihre Berechtigung aus sich selbst heraus. Jedes Bild ist wie die Stufe einer Leiter – der jeweils nächste Schritt ist nur möglich, weil der vorhergehende gemacht worden ist. Die Abfolge der Bilder ist beinah wie ein Tanz – ein Schritt ergibt sich nach dem anderen. Man muss sich nur der inneren Melodie hingeben.

    Kunst braucht Publikum.  Welche Rolle spielt der Gedanke an das Publikum bei der Arbeit?

    So wie die Bilder vom Einwirken des Zufalls belebt und beseelt werden und nicht einem von mir ersonnenen Konzept folgen, so ist auch die Reaktion des Publikums nicht planbar. Das Publikum ist mein Resonanzkörper! Seine Reaktion löst meine Kreativität aus. Meine Bilder sind mein Beitrag zu unserer Kommunikation. Ich zeige, was in mir ist, ganz unmittelbar, ohne dem Bild einen Namen zu geben. Der Betrachter darf so unbeeinflusst sehen, was für ihn oder sie sich zeigt. Wenn dann jemand mein Bild annimmt, macht mich das glücklich.

    Welche Begegnung war besonders prägend?

    Wenn man unterwegs ist mit seiner Kunst, sucht man natürlich Orientierung, vielleicht Wegweiser, Lehrmeister, will sich vergleichen. So hatte ich auch lange eine Messlatte im Kopf und war nicht sicher, wie ich mich selbst einschätzen konnte. Bei einem Tag des offenen Ateliers begegnete ich so einer erfolgreichen Malerin, die wie ich monochrome Bilder malte. Wie gern wollte ich lernen – und wie enttäuscht war ich, als mir klar wurde, dass diese Bilder keine Geschichte hatten, dass sie nicht Ergebnis einer inneren Auseinandersetzung waren – jedenfalls keiner, die sich in Worten mitteilen ließen. Dieses Erlebnis war ein richtiger Impuls für mich – ich konnte ganz neu stolz auf mich sein, wusste, dass ich meinem Weg weiter folgen werde.

    Und wie geht es weiter?

    Mein Traum ist es, von meiner Kunst leben zu können! Ich werde also weiter an Ausstellungen teilnehmen, Einzelausstellungen organisieren und mein Publikum suchen. Nach der Coronazeit mit Einschränkungen und großen Unterbrechungen ist in vieler Hinsicht ein Neuanfang nötig und möglich – ich sehe das als Chance!

    ​Für ein intensives Gespräch mit nachhaltig belebender Wirkung bedanke ich mich!
    Katja Gerlach

    Neugierig geworden? Hier gibt es mehr!

    https://www.wibkebrode-gallery.com

    https://www.instagram.com/wibkebrode

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  • Interview mit Kristin Kunze – 30.04.2021

    Der Weltlachtag fällt in diesem Jahr auf den 2. Mai – und bietet Anlass für einen Besuch im Institut für Humorforschung bei Kristin Kunze. Vor dreißig Jahren hat die Zahnärztin Dr. Kristin Kunze ihre Praxis in Engelskirchen verkauft und fühlt seitdem als Clownin Sophia Altklug ihren Mitmenschen sehr viel tiefgründiger auf den Zahn. In dieser Rolle kommt sie den Menschen noch näher, spürt sensible Punkte, manchmal auch Defekte auf und weist Wege der Besserung und Vorsorge. So ist sie ihrer eigentlichen Profession, dem Dienst am Menschen, immer treu geblieben.


    Erste Schritte – Über welches Projekt sprechen wir heute?

    In diesem Corona-Jahr braucht der Mensch am Weltlachtag besondere Zuwendung – stellt doch auch das Lachen in der Öffentlichkeit und in Gruppen ein Ansteckungsrisiko dar und gehört geradezu verboten! Aber gibt es so auch ein Berufsverbot für den Humor? Nein! Lautes Lachen passiert zwar meist in Gemeinschaft – und wer nicht mitlachen kann, fühlt sich ausgeschlossen. Wer viel mit sich alleine ist, kichert oder schmunzelt eher. Aber den Humor im eigentlichen Sinne kann man in jeder Situation erleben. Humor bedeutet das Fließen der Temperamente, der Stimmung in jeder Tonlage, zu der der Mensch fähig ist. Diese Lebensenergie lässt uns bei Gelegenheit auch lachen, aber das Lachen ist nur eine von vielen Ausdrucksmöglichkeiten.

    Mein aktuelles Projekt gestalte ich als Praktikum: Ich spüre dem Flow nach, in den ich gerate, wenn ich praktisch tätig bin. Im Garten, im Schweinestall oder beim Malen und Singen vergesse ich die Zeit, vergesse ich mich selbst – und finde gerade dadurch zu mir selbst. Ich lerne, dass nicht mein Wollen zum Ziel führt, sondern das Warten auf das, was kommt. Ich erlebe, dass ich vertrauen kann auf die Zeit, die nach vorne keine Begrenzung hat.

    Ich formuliere gerade nicht ein ganz großes Projekt, sondern entdecke, dass ich mit viel Gewinn die Zeit so annehmen kann, wie sie auf mich zukommt. JETZT ist meine Lebenszeit! Ich warte nicht, bis alles wieder „normal“ ist. Jetzt gerade findet mein eigentliches Leben statt – auch wenn es nicht mehr das ist, von dem ich gelebt habe!

    Corona hat viel unterbrochen. Meine Reisen in Entwicklungsländer und meine Tätigkeit dort als Zahnärztin sind nicht möglich. Ich vermisse meinen Sport, das Turmspringen! Diese einundeinhalb Sekunden Glück vor dem Eintauchen ins tiefe Wasser, das Erleben eines gelungenen Sprungs sind der Luxus, den man nur in geöffneten Schwimmbädern erleben kann. Aber dafür steht die Clownin vor Herausforderungen, die sie kennt und immer neu suchen muss: Sie muss über immer neue Hindernisse hinwegstolpern, wieder aufstehen, wieder ihre Balance finden, wieder das Gleichgewicht verlieren – jetzt wird’s ernst mit dem Humor!

    Eigentlich ist die Antwort schon da, bevor ich die Frage stellen muss: Der Weg ist das Ziel!?

    Ja! Aber der Aufbruch gehört unbedingt dazu! Ich muss mich auf den Weg machen, brauche Betätigung, Kreativität. Und dieser Weg ist auch keinesfalls ziellos: von meinem Bedürfnis werde ich in eine Richtung gezogen, einem Ziel entgegen, das ich noch nicht kenne. Wenn ich einen Zaun für das Gehege meiner Schweine brauche, muss ich nach Möglichkeiten suchen, ihn auch zu bauen – am besten so, dass er ausbruchsicher ist!

    Was war das größte persönliche Vergnügen auf dem Weg?

    Jeden Tag geschieht etwas Neues! Ein Schritt ergibt den nächsten und durch das Fortschreiten findet immer wieder ein Perspektivwechsel statt. Immer wieder erlebe ich: Ich weiß noch längst nicht alles – noch so viel Weg liegt vor mir! Die Clownin in mir probiert immer wieder aus, was eigentlich unmöglich scheint – und der Lohn ist dieser eine Moment, in dem ganz leicht gelingt, was vorher unüberwindbar schien. – Zum Beispiel habe ich gemeinsam mit einer Freundin eine gewaltige Schweinehütte aus Beton über eine beachtliche Strecke bewegt, weil uns eingefallen ist, sie über Zaunpfähle rollen zu lassen. Ein magisches Bild: zwei schmale Frauen und ein schwebender Betonklotz!

    Eine Clownin probiert nicht nur für sich selbst, sondern auch, weil sie andere an der Überraschung des Augenblicks teilhaben lassen will. Welche Rolle spielt im Moment der Gedanke an ein Publikum?

    Die schwarze Clownfigur, die auf tiefe Verzweiflung, Einsamkeit und Depression reagiert, übt im Moment die größte Faszination auf mich aus. Diese Figur tritt auf in der Resonanz auf Angst und Ratlosigkeit. Wird alles immer weniger? Wird alles verboten? Wie geht es weiter? Meine Aufgabe ist es, Beispiele und Methoden zu sammeln, die Auswege aus diesem Gedankenkarussel zeigen können, die eine neue Tür öffnen. Der Gegenpol zu der weit verbreiteten Angst ist Liebe – also Geben und Nehmen, In-Verbindung-Sein, gemeinsame Schwingung. Was kann ich geben? Welchen Ausweg kann ich vorleben?

    Als Clownin kann ich noch deutlicher auf die Bühne tragen, was ich als Mensch versuche zu leben: Die Bewegung, das Auf und Ab der Gefühle, die Vielfalt des täglichen Lebens annehmen können und damit auch erkennen, dass sich alles jederzeit ändern kann. Ich nutze die Freiheit, die Perspektive zu wechseln, um die Erstarrung aufzuheben. Ich nutze meine Freiheit, um meiner Stimme, meinem Körper Raum zu verschaffen, um die Stille der Einsamkeit mit Klang und neuer Bewegung zu füllen.

    Wer als Künstlerin im Moment auf den Applaus vor der Bühne wartet, lebt gefährlich! Mein Publikum sind im Moment die Menschen, die mich im Alltag umgeben. Das Leben findet JETZT statt! Wir können nicht darauf warten, dass alles wieder anders wird.

    Die Spieldose

    Welche Begegnung hat dich in der letzten Zeit besonders berührt?

    Eine Freundin schenkte mir einen Kalender von Albert Schweitzer. Beim Durchblättern fühlte ich mich zurückversetzt in meine Studentenzeit, als ich zum ersten Mal im Albert Schweitzer Hospital in Gabun als Zahnärztin gearbeitet habe. Ich warte darauf, diese Einsätze bald wieder machen zu können. Das ist natürlich einmal eine sehr unmittelbare, bedeutende medizinische Unterstützung in Ländern mit wenig Infrastruktur. Durch die Behandlung darf ich den Menschen in besonderer Weise nah sein. Medizinische Hilfe wird dabei meine Gegenleistung für das Erlebte.  – Mit dem Rückblick auf meine Tätigkeit wurde mir klar, dass ich aus diesen Erfahrungen die Grundlagen meiner Clownsphilosophie mitgenommen habe: Im Ausland muss man eine bisher vertraute Aufgabe mit neuen Augen sehen, sie vor dem Hintergrund einer neuen Kultur neu buchstabieren. Und WIR sind quasi alle im Moment „im Ausland“, in einer neuen Situation, die auch viel Unsicherheit mit sich bringt. Wir alle müssen über den Tellerrand gucken und dazulernen.

    „Wir marschieren in der Nacht. Das einzige Licht auf unserem Weg ist, unserem Herzen und dem Gesetz der Liebe zu folgen. Das innere Licht ist, Ehrfurcht vor allem Leben zu haben.“  Dieses Zitat von Albert Schweitzer passt wie ein Schlüssel zu einer Tür, die auch den Ausweg aus der Angst öffnet. In dem Wort „Ehrfurcht“ finde ich die Ehre und die Furcht, den Respekt vor allem Leben. Dabei bin ich selbst nicht die einzig Wichtige! Aber ich gehöre dazu, wenn ich das Glück habe, den Zugang zu diesem Weg zu finden!

    Und wie geht es weiter?

    In meinem Humorforschungsinstitut unterscheide ich drei Formen von Freude: die Vorfreude, die Hauptfreude und die Nachfreude. Und die Vorfreude kann mir niemand nehmen! Ich mache Pläne, zum Beispiel für eine Reise nach Juist, ich habe Hoffnung – und die Freude daran ist gerade schon passiert – unvergänglich!  – Und ganz praktisch steht das Einüben einer neuen Gangart auf meinem Trainingsplan: das Rückwärtsfahren auf dem Pedalo!

    ​Ich danke sehr für das Gespräch
    Katja Gerlach

    https://www.sophiaaltklug.de/

  • Interview mit Karsten Haider – 15.04.2021

    Eintreten und eintauchen in eine vielfach verschachtelte Welt, die Schätze offenbart, die man so mitten in Ründeroth kaum erwartet: Augenschmaus und haptisches Vergnügen bietet gleich am Eingang eine Sammlung alter Buchbinder-Werkzeuge. Die Fülle an Eindrücken und Bildern fordert geradezu auf, die Geschichte des Bewohners und seiner facettenreichen Kunst zu ergründen.


    Karsten Heider hat gemeinsam mit Anke Ahle im vergangenen Oktober die Ausstellung im Baumwolllager zur Ründerother Geschäftsbücher-fabrik Gustav Jaeger zusammen-getragen und dort künstlerische Handeinbände der Meister der Einbandkunst präsentiert.

    Ausstellungsstücke aus der alten Bücherfabrik liegen und hängen nun griffbereit in den Räumen des Antiquariats Peter Ibbetson und in seiner Buchbinderwerkstatt. Durch langen Gebrauch liegen die Griffe geschmeidig in der Hand, der Achatglättzahn zur Goldschnittherstellung fällt der Betrachterin nicht nur durch seinen Namen sofort wieder auf – Scheren in zupackenden Größen für Leder, Stoff und Papier hängen an einem Eichenbalken, in großen Schubladen lagern historische Prägeschriften aus Messing, Jugendstil-Vignetten und unzählige Schmuckelemente und warten darauf, auf Ledereinbände geprägt zu werden. Spindelpressen, Gewichtsteine, Prägepresse und Schneidemaschine finden in jeder Ecke ihren Platz. Pappen und Papiere, klanghartes Roma-Bütten, ein handgefertigtes, hochwertiges Baumwollpapier, das sich wie rauer Stoff anfasst, samtiges Nepal Papier, Pergament, Oase-Ziegenleder und Kabeljauleder, aber auch glatt geschliffene Holzstückchen – das ist eine Auswahl des Materials, mit dem Karsten Heider arbeitet, wenn er sich seiner künstlerischen Tätigkeit, der Einbandkunst, widmet.

    Erste Schritte – wie kamst du dazu, dich nicht nur als Antiquariats-buchhändler mit Büchern zu beschäftigen, sondern sie auch als Kunstobjekt zu gestalten?

    Die Hinwendung zur künstlerischen Tätigkeit als Buchbinder lag eigentlich auf dem Weg. Schon als Kind war ich fasziniert von der Ästhetik der Geschäftsbücher, vor allem der Marmorschnitte, die mein Vater als Buchbinder in der Ründerother Bücherfabrik Jaeger herstellte. Das Interesse an Gestaltung und Illustration und meine eigenen künstlerischen Fähigkeiten waren früh geweckt. Aber erst später lernte ich von meinem Vater, Schuber für Bücher meiner Sammlung herzustellen – damit war der erste Schritt zur Arbeit in dem Handwerk des Buchbinders getan. Darauf folgte das Interesse an der eigenen künstlerischen Gestaltung der äußeren Form des Buchs. Als ich dann mit dem Umzug nach Ründeroth vor sieben Jahren auch die Werkstatt meines Vaters übernahm, war das sicher der entscheidende Schritt, nicht nur die Technik des Buchbindens immer weiter zu verfeinern, sondern vor allem mit Farben und Material zu experimentieren.

    Gab es von Anfang an ein Ziel? 

    Einmal angefangen, war schnell klar, dass die Buchbinderei einen immer größeren Raum einnehmen würde. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass die Kunst nicht zum Broterwerb werden sollte. Als Antiquar beobachte ich, dass sich das Interesse der Sammler ändert: Das Interesse an Werk- und Erstausgaben nimmt ab; stattdessen gewinnt der Objektcharakter des Buchs an Bedeutung. Bei den zum Teil skulpturalen Einbänden überwiegt oft der ästhetische Ausdruck – das Interesse an Autor und Inhalt ist teilweise sogar nachgeordnet. – In dieser Hinsicht unterscheiden sich meine Auswahl und mein Vorgehen!

    Wie gestaltet sich dein Weg?  

    Natürlich finde ich es auch reizvoll, Bücher in außergewöhnlichen Formaten, zum Beispiel bibliophile Drucke mit Original-Grafik zu binden. So arbeite ich gerade an „Das Schöne“, einer Festgabe für Karl Klingspor, mit einer ungewöhnlichen unsymmetrischen Deckelform, die auch noch eine besondere Herausforderung an den Bau des Schubers stellen wird! Neben der Ästhetik der Form spielt aber bei der Auswahl immer auch der Inhalt eine große Rolle. Der „Golem“ von Gustav Meyrink mit seinem dunklen reliefierten Einband und den mit einer alten Tapetenmusterrolle handgefertigten Vorsatzpapieren verweist auf die Kulisse eines düsteren Prag. Der Einband von Grimms Märchen zeigt einen Baum – tief verwurzelt, mit breitem Stamm und giftgrünem Laub – als Hinweis auf Hexenkunst und magische Elemente.

    „Das Märchen“ von Novalis ist verpackt in einer Traumlandschaft. „Dracula“ und „Frankenstein“ verbreiten schon durch die farbige Gestaltung des Einbands Grusel. Dracula zeigt eine applizierte rote Zunge aus Straußenbeinleder am Rücken – Frankenstein ziert eine grob zusammengenähte Narbe. – Aktuell entferne ich mich aber von den Anfängen meiner „wilden“ Zeiten und arbeite mit reduzierter Formen- und Farbensprache. So etwa bei Schillers „Wallenstein“ oder Goethes „Römischen Elegien“.

    Was ist das größte Vergnügen auf dem Weg? Und was die größte Überraschung?

    Wenn die Vorstellung und die Realisierung übereinstimmen, wenn das Werkstück rundum gelungen ist, bedeutet das natürlich ein besonders großes Vergnügen – das man allerdings nicht allzu häufig erlebt. Überraschungen sind häufiger: Gerade wenn etwas vermeintlich schiefgeht, entsteht oft erst Neues. Der gut geplante Weg, der unbeirrt zu Ende verfolgt wird, ist gar nicht immer der Königsweg. Erst wenn man etwas neu bedenken, verändern, vielleicht sogar zerstören muss, kann man über sich selbst hinauswachsen. Neues entsteht nur dadurch, dass man zulässt, nicht alles selbst zu steuern.

    Kunst braucht Publikum – braucht Kunst Publikum? 

    Natürlich zeige ich gern! Ich freue mich über die Gelegenheit zu Ausstellungen und zu Präsentationen im Internet und auf Messen. Dort kann mich jeder sehen, der mich sehen will. Aber meine Kunst hat vor allem Wert für mich. Daher sind meine Werke auch nur sehr selten verkäuflich.

    Und wie geht es weiter? 

    Ich hoffe, dass es noch lange weitergehen kann! In der künstlerischen Arbeit erfahre ich nicht nur tiefe Zufriedenheit, sondern auch, dass der kreative Prozess ungeheuer viel Energie braucht!

    Angedacht ist tatsächlich eine Ausstellung gemeinsam mit dem Wuppertaler Buchkünstler Roger Green über ein besonderes politisches Thema in der Buchkunst: „Holocaust-Art“ beschäftigt sich mit Illustrationen und Texten von Überlebenden, aber auch mit zeitgenössischer Kunst, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Dabei geht es darum zu zeigen, dass Erinnern auch ästhetisch sein darf! Wenn man das Erinnern nur auf den Schrecken der Geschichte verkürzt, missachtet man die Bedeutung der ästhetischen Gestaltung, die aber oft eine ganz eigene Wichtigkeit hat. Ein Beispiel ist das Buch von Bernard Aldebert „Chemin de croix en 50 stations – de Compiègne à Gusen II en passant par Buchenwald, Mauthausen, Gusen I“.

    Die handbemalten Leinendeckel sind mit einer Schusterraspel geprägt und mit einem Hammer traktiert worden, um den Versuch der Zerstörung im KZ auch haptisch erfahrbar zu machen. Ein anderes Buch zu dieser Reihe ist „Chansonnier à Buchenwald. Chanoir“ von 1949. Auf dem steingrauen Lederdeckel habe ich ein stilisiertes Zitat aus einer Lithographie aus dem Buch übernommen, das den Schlafsaal eines KZ zeigt. Bei dieser Arbeit stellt sich die Frage nach der Wirkung ganz neu.

    ​Für ein sehr intensives Gespräch bedanke ich mich.
    Katja Gerlach

    Weitere Infos: http://www.antiquariat-peteribbetson.de